Als typische naturkundliche Forschungen erscheinen auf den ersten Blick jene Dokumentaraufnahmen, die von Künstlerinnen der Kunsthochschule Kassel realisiert wurden: Vor einem verschatteten Hintergrund werden die Köpfe von Tieren schnörkellos und versachlicht abgelichtet.
 
Isoliert von ihrem natürlichen Lebensraum treten sie ohne Handlung vor die Kamera, als gelte es – dem Menschen gleich – allein aus ihrem Konterfei die Merkmale ihrer Existenz zu ermitteln. Durch diese Bildsprache werden jedoch unweigerlich weitergehende Sinndimensionen eröffnet, die nicht nur den Phänotyp von tierischen Lebe-
wesen sondern gleichermaßen deren ‚Psychotyp‘ betreffen. Denn die Aufnahmen lassen den Betrachter nach den charakterlichen Kennzeichen eines Primaten,
eines Vogels oder Paarhufers fragen.
Im Kontext naturwissenschaftlicher Forschungen wirkt dies irritierend. Ist doch dieser Wissenschaftszweig bestrebt, die typischen Merkmale etwa eines Flucht- oder Raubtieres in ihrer geno- oder phänotypischen Eigenheit zu ergründen. Das Tier als Individuum jedoch, wie es ihrerseits die ‚künstlerische Sachfotografie‘ nahelegt,
ist hier weniger Gegenstand des Interesses.
 
Letztlich werfen diese künstlerischen Tierporträts den Betrachter auf die Bedingungen und Möglichkeiten der eigenen Wahrnehmung zurück: Einmal mehr wird uns durch die Kunst gezeigt, wie sehr die technisierte Kultur kollektiv die Wahrnehmung konditioniert.

Kai-Uwe Hemken
 

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